Kategorie: Yoga
:: Was will ich eigentlich?! ::
Am Morgen habe ich einen Brief von meiner Schwiegermutter im Kasten. Sie schreibt, daß sie ja sooo lange nix von uns (blöde Kuh – von mir, denn ich bin die Einzige, die diesen Zirkus noch mitmacht) gehört habe. Ach, was für ein Zufall. Da wird mein letzter Brief, in dem drinstand, daß weder mein Sohn noch mein Mann Lust auf Kontakt haben, wohl einfach abhanden gekommen sein. Man hat ja auch schon Pferde kotzen sehen.
Wenig später flattert mir eine Mail ins Haus, daß ich mit meiner Unterschrift helfen soll, irgendwelche Orang Utans zu retten. Mails, auf die ich warte, kommen hingegen nicht.
Später am Tag bin ich mit merkwürdigen Kommunikationsformen konfrontiert und wundere mich darüber, was manche Leute für ein Gespräch halten. Ich stecke in einer Situation, aus der ich nur mit viel Aufwand entkommen könnte, und zwinge mich daher, die letzten zehn Minuten auch noch auszuharren. Letztlich war’s zuviel, ich bin klapprig und habe Kopfschmerzen bekommen.
Beim Einkaufen würde ich gern etwas mitnehmen, in dem Palmöl drin ist. Herrje, die Orang Utans.
Und dann passiert’s. Ich fühl’s kommen. Die Welle, die ich reiten will, baut sich auf. Reißt mich mit.
Ich bin so wütend!!
Verdammt nochmal!
Ich habe keinen Bock mehr, meiner Schwiegermutter zu schreiben. Es gibt keinen Menschen auf diesem Planeten, der mir gleichgültiger wäre, und sie verdient nach dämlichen “Du bist eine schlechte Mutter, weil Du behindert bist”-Sprüchen (die ich natürlich gaaaaanz falsch verstanden habe….nein, die sie nie gemacht hat!) nicht mal mehr, daß ich überhaupt an sie denke. Und diese verdammten Orang Utans, die für Palmöl sterben! Orang Utans! Hier in den Vogelparks leben Fasane, die eine Vollmacke durch Hospitalismus haben, obwohl es in freier Wildbahn Fasane zu bewundern gibt. Palmöl, ist das echt mein Problem?! Ganz Baden ist voll von Rapsfeldern für “Bio-Sprit”, aber anstatt mit den Landwirten hier ins Gespräch zu kommen, soll ich die 2 Gramm Palmöl boykottieren, die in einem indischen Maisfladen drin sind. Und diese abgefuckte Weise, miteinander (nicht) zu kommunizieren! Nein, ich will nicht jeden Scheiß hören. Ich habe keine Lust auf das Gejammer von Leuten, die ernsthaft meinen, Heilung wäre etwas, das einem in den Schoß fällt und für das man nicht mal seinen eigenen Arsch in Wallung bringen muß. Gelaber und Lärm können auch übergriffig sein. Und das um mich herum, das ist MY FUCKING SPACE!
Ich will meine Ruhe. Ruhe vor Leuten, die mir einfach nur auf meine 400.000 Eier gehen oder mir mit Müll und Unsinn das Hirn zerschradeln. Ich will meine Ruhe vor Leuten, die nur abgreifen, was sie von mir brauchen können. Ich will mich auf meinen Lebensbereich fokussieren und endlich diesen Irrglauben ablegen, ich könnte die ganze Welt retten, wenn ich nicht mal die Muße habe, mich selbst vor Energievampiren zu retten. Und ich will diese verdammten Maisfladen!
Das ist auch Yoga, by the way.
:: 40 Tage Yoga, Teil 3 ::
Tag 6 – die heutige Kriya (“Körperenergie in Winkeln”) hat mich richtig wütend gemacht. Ich habe mir zwar bewußt ein Set ausgesucht, das mich herausfordern würde, aber gleich bei der ersten Übung komme ich an meine Grenzen. Ich kann auf der Seite liegend mein eines Bein nicht im gewünschten Winkel anheben, weil der Muskel, den ich dafür bräuchte, amputiert ist. Also hebe ich mein Bein in einem etwas anderen Winkel an – und dennoch nervt mich das. Bei den nachfolgenden Übungen verschlechtert sich meine Laune rapide. Ich kann mich nicht auf den Fingerspitzen und Fersen balancierend aus dem Liegen hochdrücken. Ich habe keine Kraft, in der Kobra mit angewinkelten Knien so eine Art Liegestützen zu machen. Ich gebe zwar in jeder Übung mein Bestes, werde heute aber radikal mit dem Gefühl konfrontiert, einfach nicht gut genug zu sein. Und dann, während ich grantig und gefrustet einem zornigen Heulanfall entgegenübe, löst sich das einfach auf. Ich denke an Yogi Bhajan, der gesagt hat: es gibt keinen Stillstand, Du verbesserst Dich ständig. Tatsächlich hätte ich mich vor ein paar Wochen noch überhaupt nicht an so ein Set rangewagt. Vor einem Jahr war ich nicht mal fähig, ein paar Sekunden in Bauchlage zu ertragen. Wenn das kein Fortschritt ist! Am Ende sitze ich dümmlich grinsend in meiner Meditation und bin ganz wieder zuFRIEDEn mit mir selbst.
Tag 7 – heute ist es spät geworden, bis ich Zeit für Yoga gefunden habe. Ich mache ein paar einzelne Asanas, um ganz gezielt meinen verspannten Rücken zu lockern, sitze dafür länger in der Meditation. Ich spüre, daß sich Migräne anbahnt, und versuche, dem Unausweichlichen so gelassen wie möglich entgegenzusehen. Wird schon.
Tag 8 – am Morgen, direkt nach dem Aufwachen, war die Migräne da. Da hilft nur Tablette einwerfen und liegen bleiben. Ich schlafe noch drei Stunden und bin danach zwar verknackst und ein bißchen neben den Puschen, aber durch die gelassene Grundstimmung war der Anfall nicht so schlimm. Beim mittäglichen Frühstück wird dann noch mehr Gelassenheit von mir erwartet: mein Sohn hat mal wieder in sechs wachen Stunden keinen einzigen Tropfen getrunken und entgegen unserer Absprache kein Mathe gemacht. Ich spare mir jede Diskussion und ziehe einfach Familientaler* ab. Meine Partner gehen abends ins Kino und da mir selbst nicht der Sinn nach einem Film steht, mache ich Yoga. Die heutige Kriya (“wie Engel werden”) hat es faustdick hinter den Federn. Während ich auf meinen Yogahocker eindresche und “HAR!” chante, löst sich eine Menge und am Ende strahle ich selig vor mich hin.
* Familientaler sind eine familieninterne “Währung”. Mein Sohn kann sie sich verdienen, indem er kleine Aufgaben wie z.B. Katzenklos machen, sein Zimmer gründlich aufräumen, den Tisch decken etc. übernimmt. Ausgeben darf er sie dann für Goodies wie einen Film gucken (1 x die Woche), Süßigkeiten, gemeinsames Spielen mit uns Großen oder – wenn er eine bestimmte Anzahl angespart hat – für größere Aktivitäten wie einen Besuch im Spaßbad, im Kino oder so. Ausgeben muß er sie auch für Regelbrüche, beispielsweise wenn er nicht trinkt, seine Hausaufgaben nicht macht oder lügt. Diese Familientaler haben wir seit dem Sommer 2012 und für uns haben sie sich als einziges Belohnungssystem erwiesen, das nachhaltig funktioniert. Und: sie ersparen uns Großen eine Menge Gerede.
Tag 9 – ich habe mir eine Erkältung eingefangen, die sich gar nicht erst die Mühe machst, sich langsam zu steigern, sondern direkt mit dichten Nebenhöhlen, Naselaufen und Telefonsexstimme zur Sache kommt. Den Nachmittag verbringe ich im Museum, den Abend hänge ich matt auf meinem Kuschelsessel rum. Als ich mich so gegen 1 Uhr nachts in mein Zimmer zurückziehe, bin ich nur einen Moment lang versucht, Yoga Yoga sein zu lassen, bevor ich auf meinem Kissen sitze. Heute mache ich eine Kriya, um Streß loszulassen, und das intensive Atmen tut mir gut. Als ich gegen 1.45 Uhr ins Bett krabble, geht es mir besser als zuvor und ich schlafe zehn Stunden wie ein Murmeltier.
Tag 10 – Nase und Hals sind zu und ich fühle mich bleischwer und müde. Erkältet halt. Mein tägliches Yoga beginnt normalerweise mit 5 bis 8 km aktivem Radeln auf meinem Behindi-Heimtrainer, doch heute tun mir alle Muskeln weh und ich quittiere den Dienst am Gerät bereits nach 4 km. Subagh-Kriya, die ich heute machen will, kommt ohne Beinarbeit aus, so daß ich einfach mal hoffe, daß es wurscht ist, daß meine Beine noch nicht so 100%ig warm sind. Nach den üblichen Aufwärmübungen für den Oberkörper folgt dann das Set. Es ist anstrengend und bringt mich heute echt aus der Puste, aber wie immer beim Yoga tut das einfach nur wohl und sorgt für gute Laune. Die für mich allerhärteste Asana überhaupt – Shavasana / Totenhaltung = Entspannung – kriege ich heute spielend hin. Während ich einer Raag lausche, schlummere ich fast ein. Der Timer holt mich wieder zurück und ich fühle mich echt großartig. Später am Tag fragt mein Mann, der gerade Teewasser aufsetzt, ob er mir zusätzlich Inhalationswasser machen soll, denn eigentlich inhaliere ich bei jeder Erkältung zweimal am Tag, damit die Nebenhöhlen nicht nachhaltig in Mitleidenschaft gezogen werden. Erst jetzt fällt mir auf, was ich im Grunde schon wußte: durch das bewußte Atmen “verstopfen” meine Kanäle nicht mehr so rasch. Hach.
:: 40 Tage Yoga, Teil 2 ::
Wie angekündigt, mache ich nun also jeden Tag die Kriya, die mich gerade anspricht. Mit dabei waren diese Woche u.a. ein Set für die Anregung des Verdauungsfeuers, eins zur Vorbereitung auf die Meditation und eins dafür, kristallklar zu werden.
Mir fällt auf, daß ich mir nach meinem Urlaub – bei dem ich mir ja gar nicht so wirklich sicher war, ob ich ihn kräftemäßig “schaffen” würde – deutlich mehr zutraue. Beispielsweise habe ich Übungen, bei denen man sich hinkniet oder hinten überlehnt wie bei der Katze-Kuh- und der Kamel-Übung, bisher total ungern gemacht, weil ich Angst hatte, daß ich dabei hinfallen oder mich verletzen könnte. Ich komme durch meine Behinderung ja nicht auf den Boden runter und muß sowas dann auf dem Bett bzw. meinem Yogahocker machen. In dieser Woche kamen solche Asanas mehrfach vor und auch wenn ich manche von ihnen für meine speziellen Bedürfnisse abwandeln mußte, so habe mich doch endlich getraut – und es war toll! In Dankbarkeit und mit einem Schmunzeln denke ich an Yogi Bhajan, der sinngemäß sagte: “es gibt keinen Stillstand: Du verbesserst Dich ständig”.
Meine Meditation macht mir nach wie vor großen Spaß, fühlt sich einfach wohlig an. Ich verbinde sie jetzt mit der englischen Version des “So Purkh” und merke, daß ich dabei wunderbar auf das Wesentliche fokussieren kann. Außerdem entdecke ich ständig neue interessante Impulse in diesem Gebet.
Ich habe ja schon oft darüber geschrieben und auch jetzt gerade merke ich es wieder deutlich: ich muß keinen Widerstand überwinden, um täglich Yoga zu machen und zu meditieren. Im Gegenteil, wenn ich mal einen Tag nicht dazu komme (Migränetage sind z.B. prädestiniert dafür), dann fehlt es mir schrecklich. Vor meinem Urlaub gab es eine Woche, wo ich aus gesundheitlichen Gründen drei Tage hintereinander kein Yoga machen konnte. Am vierten Tag kamen mir dann bei der Einstimmung die Tränen, weil es sich so gut anfühlte und ich es so sehr vermißt hatte. Im Gegensatz dazu stehen Meditations- und Visualisierungsübungen, die ich jetzt eigentlich für ein Spiri-Projekt machen sollte, wenn es nach den Autoren ginge. Oh mei, dazu kriege ich mich einfach nicht motiviert, weil ich ständig denke, wie viel effektiver ich Kundalini-Yoga finde…ähem.
:: Shit Kundalini Yogis Say ::
Nachdem ich heute bei der Wilden Wölfin ein Video zu “Shit Yogis Say” gesehen habe, mußte ich doch mal gucken, ob es das auch für Kundalini-Yoga gibt. Gibt es! Hier!
“My teeth are so white? There’s a kriya for that!” *lol*
:: Naad-Yoga ::
Gestern Abend waren mein Mann und ich auf dem Naad-Yoga-Konzert, das Prof. Surinder Singh mit seinem Ensemble im Karlsruher Schloß gegeben hat. Zunächst mal war ich etwas überwältigt von den Menschenmassen, die sich dort einfanden. Die Organisatorin erzählte, daß sie sowas auch noch nicht erlebt habe; ich vermute, das lag wohl an den Stichworten “indisch” und “Yoga” in der Ankündigung – das ist ja gerade sehr “in”.
Zu Beginn erklärte Prof. Singh, daß die Musik, die wir im Folgenden hören würden, nicht dem Entertainment diene, sondern dem Innertainment: Kontaktaufnahme mit dem Selbst, mit der eigenen Seele (betretenes Schweigen bei einigen *lol*). Die Raags gehen auf das 5. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung zurück und sind dazu geschaffen worden, um bestimmte Gefühls- und Seelenzustände zu evozieren. Die Musik führt dabei die Emotionen und mit ihnen die Seele in die entsprechenden Stimmungen hinein, so daß diese sich tatsächlich manifestieren. Über diesen Zusammenhang, so erklärte er weiter, könne Heilung stattfinden – dazu müsse man sich allerdings vollkommen auf die Musik einlassen, den Verstand abschalten, die Augen schließen und das Herz öffnen.
Das Konzert begann mit dem MulMantra. Als Prof. Singh “Ek Ong Kar” sang, war meine Fassung erstmal dahin und mir kamen die Tränen. Das MulMantra begleitet mich seit Beginn meiner Yoga-Zeit und bedeutet mir wahnsinnig viel (ich trage es auch als Schmuckstück). Hach. Zwischen den Raags erläuterte Prof. Singh das Anliegen der einzelnen Stücke und erzählte davon, daß es Musik und das Lächeln seien, was alle Menschen über ihre Emotionen miteinander teilen können, wo doch all die unterschiedlichen Sprachen, die weltweit gesprochen werden, und alle Bewertungen, die durch Sprache stattfinden, eher dazu dienen, voneinander zu trennen. Ich persönlich war während der Konzerts immer zwischen Augen auf und Augen zu hin- und hergerissen, denn einerseits wollte ich den Künstlern gern beim Spielen ihrer Instrumente zusehen (ok, und die Reaktion der anderen Zuhörer beobachten^^), andererseits beförderte mich die Musik aber absolut nach innen.
Nach der Pause und weiteren wunderschönen und meditativen Raags forderte Prof. Singh das Publikum auf, mitzusingen (das Mantra “Nirinjan”). Was für ein Erlebnis! Das Trennende verschwand und alle schwangen im Einklang mit der Musik und dem Mantra. Es war total bewegend und hat mein Herz zum Singen gebracht.
Noch zwei persönliche Bemerkungen: Prof. Singh erzählte davon, daß er vor 20 Jahren einen schrecklichen Unfall gehabt habe, nach dem er mehr tot als lebendig gewesen sei und die Ärzte ihn schon aufgeben wollten. Doch dann sei ihm Gnade gewährt worden: er wurde geheilt und würde sein gesundes, glückliches Leben heute in vollen Zügen genießen. Tatsächlich bemerkte ich, daß er gehbehindert ist. Auch das hat mich unglaublich berührt, denn im Grunde hat er da ja meine Geschichte erzählt – auch ich fühle mich heute glücklicher und gesünder als vor Krankheit und Behinderung.
Ja, und dann waren mein Mann und ich schon wieder am Auto, als ich angesprochen wurde, ob ich Amala sei. Auf mein verdutztes “öhm, ja?” sagte mein Gegenüber “meine Freundin liest Dein Blog!” *gacker* Liebe Elster, die Überraschung war gelungen; ich glaube, ich habe absolut dümmlich aus der Wäsche geguckt…! *lol*
Zum Thema Behinderung: der Gartensaal des Schlosses Karlsruhe ist nur über die Biergarten-Terrasse barrierefrei zu erreichen. Ein Behindertenklo, das von dort aus barrierefrei erreichbar wäre, habe ich nicht gesehen. Aber die Mitarbeiter sind sehr hilfsbereit.
:: 40 Tage Yoga ::
Seit Sonntag läuft die von Karmindra ins Leben gerufene 40-Tage-Yoga-Challenge. Eigentlich hatte ich diese zum Anlaß nehmen wollen, eine neue 40-Tage-Kriya zu starten, bei der ich wieder jeden Tag für den genannten Zeitraum dasselbe Yoga-Set gemacht hätte. Vor meinem Urlaub hatte ich ja keine Neue beginnen wollen und stattdessen jeden Tag ein Set gemacht, zu dem ich gerade Lust hatte. Ja, und dann stellte ich bereits gestern, am zweiten Tag, fest, daß ich zur Zeit überhaupt keine Lust habe, 40 Tage lang dasselbe Set zu machen. Ich werde also weiterhin jeden Tag die Kriya machen, die mich gerade anspricht. Am Sonntag war es ein Set gegen Streß, gestern war es ein Set gegen körperliche Beschwerden.
Was ich allerdings tatsächlich 40 Tage am Stück machen werde, ist eine Meditation für das innere Gleichgewicht, denn die empfinde ich als sehr wohltuend und möchte schauen, was sie in 40 Tagen mit mir macht.
:: Naad-Yoga-Konzert in Karlsruhe ::
Für Kurzentschlossene habe ich einen Konzert-Tip: am Mittwoch spielen Prof. Surinder Singh & Ensemble im Gartensaal des Karlsruher Schlosses. Der Eintritt ist frei. Näheres hier.
Ich werde da sein. Wer noch?
:: Kent I: ich fahre tatsächlich in den Urlaub! ::
Noch vor einem Jahr war die Vorstellung, irgendwann einmal wieder Urlaub zu machen, noch schiere Utopie für mich. Durch meine spezielle Form der Behinderung und vor allem durch die massiven Amputationen habe ich einen ganzen Haufen an besonderen Anforderungen an meine Umgebung, so daß ich nicht einmal davon zu träumen wagte, gleich eine ganze Woche wegzufahren. Autofahrten von über einer Stunden gerieten zur Quälerei, normale Betten (≠ Wasserbetten) verursachten unerträgliche Schmerzen und schon kleinste Fehlbewegungen sorgten für wochenlange Ausfälle bzw. Schmerzen und Verspannungen. Und dann kam Yoga.
Ich habe schon so oft darüber geschrieben, wie positiv sich Yoga auf mein Leben auswirkt, aber nichts könnte für mich symbolträchtiger für all diese großartigen Veränderungen sein als mein einwöchiger Urlaub in Kent. Als ich den Urlaub im Januar gebucht habe, tat ich das mit einem gewissen sarkastischen Fatalismus. Ich dachte, das Schlimmste, was mir passieren kann, wäre eine schlaflose, von Schmerzmitteln gedopte Woche. Gleichzeitig fand ich genau das reichlich unwahrscheinlich, denn ich würde doch das für mich weltbeste Heilmittel im Handgepäck haben: Yoga. Rückblickend würde ich sagen, gemessen an den eigentlichen Ferien waren die letzten zwei Wochen vor Reisebeginn die stressigere Zeit; mein Blutdruck spielte verrückt, ich schlief fast zehn Tage lediglich drei Stunden pro Nacht und war entsprechend disso und müde. Aufregung pur! Ich hatte unglaubliche Angst davor, zu versagen. Es nicht zu schaffen. Ich kann eine blühende Phantasie entwickeln, wenn es darum geht, mir Worst-Case-Scenarios auszudenken.
Mein Mann und ich haben das Einzige getan, was mir gegen Panik hilft: gut planen und die Dinge bedachtsam handelnd in die Existenz bringen. Wir beide haben überhaupt keine Routine mehr in puncto Reisevorbereitungen gehabt und so schrieben wir für alles eine Liste, was ich wirklich hilfreich fand. Ich stellte mir ein Heftchen mit meinen liebsten Yoga-Kriyas und Meditationen zusammen, wobei ich darauf achtete, für alle eventuellen Schmerzen und Verspannungen gerüstet zu sein. Als es schließlich ans Kofferpacken ging, war ich vollkommen überrascht davon, wie wenig ich mitnehmen würde. Es war ein gutes Gefühl! Ich reise mit leichtem Gepäck und das hat viele Gedanken über mein Leben als solches angestoßen. Und über die “Wertigkeit”, die ich meiner Behinderung tatsächlich einräumen will.
Dann war der große Tag endlich gekommen. Morgens um 6 Uhr ging es los. Wir wollten quer durch Frankreich nach Calais, von dort aus mit dem Autozug unterm Kanal hindurch nach Folkestone und dann weiter nach Canterbury. Reisezeit inclusive aller Pausen: 10 Stunden.
Die Autobahnen in Frankreich habe ich als unglaublich streßfrei zu befahren erlebt. Durch die Mautpflicht sind sie relativ leer – kein einziger Stau in fast 700 km – und durch die durchgängige Geschwindigkeitsregelung (130 km/h bei normalem Wetter, 110 km/h bei Regen) fährt es sich herrlich entspannt. Keine Raser, kein Gedrängel, kein nerviges Bremsen – Beschleunigen – Bremsen. Und: alle Raststätten haben behindertengerechte Klos. Für umme. Wenn ich da an dieses unsägliche Bon-Ziehen in deutschen Raststätten denke….also ehrlich mal. Jede Stunde machten wir eine kurze Pause, damit ich ein bißchen Yoga machen und mich bewegen konnte, um nicht zu verspannen, denn wenn das erstmal der Fall ist, ist es zu spät. Dieses Pausensystem hat sich für mich sehr bezahlt gemacht.
Unser Timing hätte nicht besser sein können; in Calais hatten wir sogar noch Gelegenheit, an den Strand zu fahren, bevor wir zum Channel-Terminal mußten. Als es dann soweit war, war ich total beeindruckt von der reibungslosen Abwicklung des Check-In. Eine Kamera erkannte unser Nummernschild und wies uns direkt die zuvor im Internet bestellte Bordkarte zu. Diese wird an den Innenspiegel gehängt und dann folgt man den Wegweisern, sobald der entsprechende Zug aufgerufen wird. Für Behinderte gibt es sowohl auf der französischen als auch auf der englischen Seite eigene Fahrspuren, denn Behinderte dürfen den Zug als Erste befahren und dann auch wieder als Erste verlassen. Super Service! Nur sollten Behinderte nochmal im Terminal auf’s Klo gehen rollen, denn die Toiletten im Zug selbst sind für Menschen im Rolli nicht erreichbar.
Die Zugfahrt dauert etwa 35 Minuten, zuzüglich 25 Minuten Wartezeit zwischen Einfahrt und Abfahrt; alles in allem ist man also rund eine Stunde mit der Überfahrt beschäftigt. Im Zug sind auf beiden Seiten kleine Fenster abgebracht, so daß man beim Warten auf die Abfahrt noch hinausschauen kann. Die Zugfahrt fand ich überraschend angenehm, sofern man sich nicht zu sehr darauf konzentriert, daß man gerade unter Tonnen von Gestein und Meerwasser unterwegs ist. Dennoch kamen mir im Zug die Tränen, so überwältigt war ich davon, daß meine Reise tatsächlich stattfand. Für mich eindeutig mehr als eine beliebige Urlaubsreise – eher eine Reise in ein viel weiter gefaßtes, freieres Leben.
:: Disziplin ::
Du mußt Deine Faulheit und Dein Ego selbst besiegen. Unaufrichtige Anstrengungen sind ein Verrat an Deinem Selbst, denn Du bemühst Dich nicht darum, eine echte Erfahrung zu machen. (Yogi Bhajan)
Neulich habe ich zwei Tage hintereinander kein Yoga gemacht. Migräneausfall. Als ich am dritten Tag wieder auf meinem Hocker saß, wären mir bei der Einstimmung fast die Tränen gekommen. Wenn ich näher am Wasser gebaut wäre, hätte ich sicherlich geheult wie ein Schloßhund. Und wieso? Weil es sich so verdammt gut angefühlt hat. Weil es war, als würde ich endlich wieder nach Hause kommen, an einen schönen, sicheren Ort, der nur mir gehört (es geht übrigens nicht darum, daß ich dächte, Yoga gehöre mir allein – es geht um mein persönliches Yoga-Dharma und mein Leben mit Yoga). Ich habe sowas noch nie erlebt, weder bei Reiki noch in der Göttinnenspiritualität noch sonstwo. Daß ich mich derart angekommen fühle, ist absolut neu und absolut bewegend. Wundervoll. Erfüllend.
Mir ist in den vergangenen Monaten klar geworden, was Yogi Bhajan damit meinte, als er sagte, daß es uns Anmut und Würde verleiht, wenn wir uns selbst disziplinieren und eine Verpflichtung eingehen. Als ich das zum ersten Mal las, regte sich in mir Widerstand, denn ich hasse es, festgelegt zu werden. Aber im Yoga habe ich mich selbst festgelegt – weil ich gar nicht anders konnte. Es fühlte sich gut und im Grunde ganz natürlich an. Ich muß keinen Widerstand überwinden, um täglich auf’s Neue auf meinem Hocker zu sitzen. Im Gegenteil, die Tage, an denen es aus echten Gründen wie eben Migräne nicht geht, halte ich für…naja, nicht verschwendete Tage, aber sowas in der Art. Nicht maximal gelebte, nicht auf’s Köstlichste ausgekostete Tage.
Mir ist klar geworden, daß es gerade die Disziplin und die Verpflichtung sind, die mir in anderen (spirituellen) Konzepten und Gemeinschaften gefehlt haben. Ich finde es unbefriedigend, wenn beispielsweise in einer Arbeitsgruppe kein echter Austausch stattfinden kann, weil 80 % der Teilnehmer nicht vorbereitet sind oder ihr Material vergessen haben. Durch sowas fühle ich mich blockiert, weswegen ich in der Vergangenheit immer mehr im Alleingang gemacht habe. Gruppenrituale z.B. fand ich oft stressig und lästig, weil sich nur selten jemand fand, der ernsthaft bereit war, sich zu verpflichten, eine Aufgabe zu übernehmen. Wenige Macher, viele Mitläufer. Im Yoga ist das anders. Es tangiert meine eigene Yoga-Praxis nicht, wenn jemand anders es nicht schafft, täglich zu üben.
Vielleicht klingt das arrogant. Tatsache aber ist, daß ich es nicht arrogant meine. Ich halte mich nicht für einen besseren Menschen, weil ich täglich Yoga mache. Das wäre total absurd, schließlich halte ich mich auch nicht für einen besseren Menschen, weil ich täglich atme, auf’s Klo gehe oder Speisen und Getränke zu mir nehme. Yoga ist mir ein Grundbedürfnis geworden. Der Ort, an dem ich gern bin, ein Zuhause.
:: 40-Tage-Yoga-Challenge ::
Karmindra hat eine 40-Tage-Yoga-Challenge initiiert. Es geht darum, vom 12.5. bis 21.6.2013 täglich Yoga zu machen. Die Details nachlesen kannst Du hier.
Da ich im Mai meine nächste 40-Tage-Kriya starten wollte, bin ich gern dabei. Du auch?







