Kategorie: Behinderung
:: Badisches Landesmuseum Karlsruhe ::
Museen berühren mich immer merkwürdig. Einerseits finde ich es großartig, wie viele Museen zu unterschiedlichen Themen es in Deutschland gibt und daß diese Sammlungen Kultur- und Natur”güter” aufbewahren und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen, die andernfalls in irgendwelchen dubiosen Privatsammlungen verschwinden oder schlicht untergegraben würden. Andererseits kriege ich immer ein wenig Magengrimmen beim Gedanken daran, gerade vor einem toten Menschen zu stehen, der aus seinem Grab gezerrt wurde, wo er eigentlich ewige Ruhe finden wollte (Mumien), oder beim Betrachten von weiblichen Idolen, die aus wissenschaftlicher Ratlosigkeit zu Fruchtbarkeitssymbolen stilisiert werden. Hm. Und dann gibt es da noch die Abteilungen, die ich mir überhaupt nicht anschaue, wo ich mich schlicht verweigere: Waffensammlungen, Folterwerkzeuge, Nachbauten von Kriegsschauplätzen und Co. Mir dieses Recht zuzugestehen und damit meine humanistische (und dadurch arg tunnelblickartige) Bildung zu durchbrechen, hat übrigens ziemlich lange gedauert.
Bei unserem Ausflug ins Badische Landesmuseum steht für mich die Abteilung zu Ur- und Frühgeschichte im Fokus, denn ich bin auf der Suche nach Anregungen dafür, wohin die diesjährige Pilgerreise in der Heimat meinen Mann und mich führen soll. Im letzten Jahr, bei unserer ersten Pilgerreise, hatte ich den Eindruck gewonnen, daß es im Rheintal nicht besonders viele Spuren früher Siedlungen gäbe – ein Fehler, wie sich jetzt zeigt. So schade es ist, in den Orten weist nichts auf diese frühen Siedlungen hin (also keine Infotafeln, markante Straßennamen oder so), aber im Museum werden wir fündig. Ich wage jetzt sogar mal die Behauptung, daß das ganze Rheintal sich bei den Menschen der Michelsberger Epoche größter Beliebtheit erfreute – “hie isch gut ze lebbe!”. Hege fast die Vermutung, daß ich sogar beim Graben in unserem Garten noch Hinterlassenschaften der frühen Siedler finden könnte.
Während ich vor einer Vitrine mit schlichten Tonschüsseln stehe, deren Ränder mit einem Lochmuster dekoriert sind, passiert das, wofür ich Museumsbesuche schlicht liebe: ich versuche, mir diese Schüsseln im Alltag der Menschen vorzustellen, die hier vor mehreren Jahrtausenden gelebt haben. Wer hat sie gefertigt und dekoriert? Wer hat sie benutzt und wofür? Und wie kam es dazu, daß sie dann eines Tages zurückgelassen wurden, unter der Erde begraben, bis sie soviel später wiederentdeckt wurden? Tatsächlich sind es die Alltagsgegenstände, die mich in Museen am meisten faszinieren. Sie stellen eine Verbindung dar und holen die graue Theorie aus Geschichtsunterricht und Büchern in meine Realität. Unweigerlich frage ich mich, ob eines Tages jemand die Schüssel ausgraben wird, in der in meiner Küche das Obst aufbewahrt wird. Ob sie dann zu einem Kultobjekt erklärt wird, weil sie in der Mitte eine Spirale hat? Eins ist jedenfalls mal sicher: in meiner Heimat gibt es noch viel mehr Orte, die zu erpilgern lohnenswert ist, als ich bisher dachte <3
Im Museumsshop gibt es übrigens das großartige Buch über die Michelsberger Kultur für nur 25 €.
Zum Thema Barrierefreiheit: das badische Landesmuseum ist für ein so altes Gebäude erstaunlich barrierefrei. Zum Eingang führt eine gut befahrbare Rampe hoch. Die Eingangstüren sind leider ein wenig eng und offenbar ist nicht immer jemand mit einem Schlüssel zur Stelle, um auch noch den zweiten Flügel zu öffnen. Es gibt einen Aufzug und auch Behindertentoiletten, die – wieder durch ziemlich enge Türen – leider nicht so supereinfach zu erreichen sind, wenn man einen leicht überbreiten Rolli hat. Wie im Grunde in allen Museen sind auch hier die meisten Exponate für stehendes Publikum angeordnet, also immer schön den Hals recken
Das dem Museum angeschlossene Café ist barrierefrei erreichbar und von hier aus kommt man auch direkt nach draußen in den Schloßpark. Was mich wirklich gestört hat: man darf keine Taschen, die über 20 x 26 cm groß sind, mit in die Ausstellung nehmen, und Photographieren ist auch nicht gestattet.
:: Naad-Yoga ::
Gestern Abend waren mein Mann und ich auf dem Naad-Yoga-Konzert, das Prof. Surinder Singh mit seinem Ensemble im Karlsruher Schloß gegeben hat. Zunächst mal war ich etwas überwältigt von den Menschenmassen, die sich dort einfanden. Die Organisatorin erzählte, daß sie sowas auch noch nicht erlebt habe; ich vermute, das lag wohl an den Stichworten “indisch” und “Yoga” in der Ankündigung – das ist ja gerade sehr “in”.
Zu Beginn erklärte Prof. Singh, daß die Musik, die wir im Folgenden hören würden, nicht dem Entertainment diene, sondern dem Innertainment: Kontaktaufnahme mit dem Selbst, mit der eigenen Seele (betretenes Schweigen bei einigen *lol*). Die Raags gehen auf das 5. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung zurück und sind dazu geschaffen worden, um bestimmte Gefühls- und Seelenzustände zu evozieren. Die Musik führt dabei die Emotionen und mit ihnen die Seele in die entsprechenden Stimmungen hinein, so daß diese sich tatsächlich manifestieren. Über diesen Zusammenhang, so erklärte er weiter, könne Heilung stattfinden – dazu müsse man sich allerdings vollkommen auf die Musik einlassen, den Verstand abschalten, die Augen schließen und das Herz öffnen.
Das Konzert begann mit dem MulMantra. Als Prof. Singh “Ek Ong Kar” sang, war meine Fassung erstmal dahin und mir kamen die Tränen. Das MulMantra begleitet mich seit Beginn meiner Yoga-Zeit und bedeutet mir wahnsinnig viel (ich trage es auch als Schmuckstück). Hach. Zwischen den Raags erläuterte Prof. Singh das Anliegen der einzelnen Stücke und erzählte davon, daß es Musik und das Lächeln seien, was alle Menschen über ihre Emotionen miteinander teilen können, wo doch all die unterschiedlichen Sprachen, die weltweit gesprochen werden, und alle Bewertungen, die durch Sprache stattfinden, eher dazu dienen, voneinander zu trennen. Ich persönlich war während der Konzerts immer zwischen Augen auf und Augen zu hin- und hergerissen, denn einerseits wollte ich den Künstlern gern beim Spielen ihrer Instrumente zusehen (ok, und die Reaktion der anderen Zuhörer beobachten^^), andererseits beförderte mich die Musik aber absolut nach innen.
Nach der Pause und weiteren wunderschönen und meditativen Raags forderte Prof. Singh das Publikum auf, mitzusingen (das Mantra “Nirinjan”). Was für ein Erlebnis! Das Trennende verschwand und alle schwangen im Einklang mit der Musik und dem Mantra. Es war total bewegend und hat mein Herz zum Singen gebracht.
Noch zwei persönliche Bemerkungen: Prof. Singh erzählte davon, daß er vor 20 Jahren einen schrecklichen Unfall gehabt habe, nach dem er mehr tot als lebendig gewesen sei und die Ärzte ihn schon aufgeben wollten. Doch dann sei ihm Gnade gewährt worden: er wurde geheilt und würde sein gesundes, glückliches Leben heute in vollen Zügen genießen. Tatsächlich bemerkte ich, daß er gehbehindert ist. Auch das hat mich unglaublich berührt, denn im Grunde hat er da ja meine Geschichte erzählt – auch ich fühle mich heute glücklicher und gesünder als vor Krankheit und Behinderung.
Ja, und dann waren mein Mann und ich schon wieder am Auto, als ich angesprochen wurde, ob ich Amala sei. Auf mein verdutztes “öhm, ja?” sagte mein Gegenüber “meine Freundin liest Dein Blog!” *gacker* Liebe Elster, die Überraschung war gelungen; ich glaube, ich habe absolut dümmlich aus der Wäsche geguckt…! *lol*
Zum Thema Behinderung: der Gartensaal des Schlosses Karlsruhe ist nur über die Biergarten-Terrasse barrierefrei zu erreichen. Ein Behindertenklo, das von dort aus barrierefrei erreichbar wäre, habe ich nicht gesehen. Aber die Mitarbeiter sind sehr hilfsbereit.
:: Kent VII: Unterkunft & Verpflegung ::
Als wir eine Unterkunft für unseren Urlaub suchten, stießen wir direkt auf das Iffin Farm House, das etwas außerhalb von Canterbury in den Hügeln gelegen ist. In zehn Minuten ist man mit dem Auto in der Stadtmitte, genießt aber alle Vorteile des Landlebens, incl. absoluter Stille und Dunkelheit und Besuchen von Kaninchen, Füchsen und vielen verschiedenen Vögeln.
Für Behinderte gibt es die Converted Barn, also eine umgebaute Scheune, die praktisch mitten im großen Garten liegt, mit Blick auf eine Pferdekoppel. Hier ist alles barrierefrei: Eingang, Küche, Bad und Schlafzimmer. Besonders begeistert war ich von der Küche, denn hier sind Spüle und Herd mit einer leichtgängigen Handkurbel zu verstellen, so daß sowohl Gehbehinderte als auch stehende Personen daran arbeiten können. Steht nun definitiv auf der Wunschliste für meine eigene Küche, die da irgendwann mal kommen wird. So toll!
Im Bad gibt es eine leicht abgesenkte, aber barrierefrei zu erreichende Duscheinheit mit festmontiertem Sitz (gut mitgedacht: der Sitz ist mit wärmeisoliertem Zeug belegt, so daß man sich nix abfriert, wenn man sich draufsetzt). Der Klositz ist schwenkbar, so daß vollständig rollipflichtige Personen sich leichter transferieren können.
Was mich auch gefreut hat, war die voll funktionstüchtige Fußbodenheizung. Ich friere halt wahnsinnig schnell und Hotels, in denen nachts die Heizungen abgestellt werden, finde ich nicht besonders amalafreundlich. Aber in unserer Iffin Barn war es immer wohlig warm. Herrlich.
Im Vorfeld hatten wir ein “fully vegan breakfast” bestellt, was – abgesehen von einer Tüte Milch im Kühlschrank – kompetent umgesetzt wurde (durch meine Laktoseintoleranz kann ich bestätigen, daß nirgendwo Milchbestandteile drin waren^^). Die vegane Variante des englischen Frühstücks bestand aus Rösti, Pilzen, geschmorten Tomaten und Baked Beans, dazu Toastbrot, vegane Margarine, Marmelade, Porridge mit einer großen Portion frischem Obst und Tee.
Um das Mittag- und Abendessen hatten wir uns eigentlich keine Gedanken gemacht – vielleicht ein bißchen heikel, aber wie sich herausstellte, war das ganz ok so. Mittags haben wir meist irgendwo eine Kleinigkeit bekommen, beispielsweise eine Portion Pommes mit Essig (diese Riesenportion gab’s in einem sehr netten Fish-And-Chips-Restaurant in Herne Bay)…
…oder eine ebensolche Riesenportion Toast mit Baked Beans im Tea Room. Preislich beides absolut erschwinglich (die Bohnen z.B. 2,50 BPS). Oder wir haben uns im ortsansässigen “Superstore” Cracker, Oliven, Humus, Obst und Co. für ein Picknick gekauft. Überhaupt – in England gibt es viel mehr vegane Sachen als in Deutschland. Beispielsweise habe ich in der ganzen Brot-Abteilung kein einziges Brot gefunden, dem Butter, Laktose, Milchzeug oder sonstwas Unveganes beigemischt worden wäre…das ist ein Deutschland praktisch unvorstellbar. Es gibt viele vegane Keks- und Crackersorten (meine Favoriten: Tea Fingers, so eine Art Butterkeks ohne Butter, und Cracker mit Knoblauch und Kräutern), Chips (meine Liebsten: Salt and Vinegar, natürlich), Frühstücksflocken und und und. Für daheim habe ich mich selbstredend reichlich eingedeckt
Unser eigentliches Highlight war allerdings immer das Abendessen, das wir samt und sonders im Café Mauresque einnahmen. Es war so verteufelt gut, daß wir überhaupt kein Interesse daran hatten, mal woanders essen zu gehen.
Die gemischten Tapas kann man ohne weiteres ohne Feta bekommen…
…die Kartoffeln waren per se vegan…
…und die Hauptspeise ohne Käse auch. Ich esse ja gern sehr, sehr scharf und da kam es mir doch sehr entgegen, daß das Café Mauresque selbst Chilis einlegt bzw. eigenes Harissa aus 15 unterschiedlichen Chili-Sorten herstellt. Böse scharf und umwerfend lecker.
Dazu eine Kanne Schwarztee mit frischer Minze und alles gut
Insgesamt habe ich den englischen Service sowohl im Iffin Farm House als auch in jedem Restaurant, in jedem Café als herausragend erlebt: bemüht, höflich und sehr zuvorkommend, dabei vollkommen unaufdringlich. Und was “vegan” bedeutet, wußte wirklich jeder.
:: Kent VI: Botany Bay ::
Am äußersten Ostzipfel der Küstenlinie bei Margate liegt Botany Bay, eine traumschöne Klippenlandschaft mit malerischem Sandstrand.
Im Sommer ist der Strand stark frequentiert – umso wunderbarer fand ich, daß er bei unserem Besuch praktisch leer war. Ein Traum für Naturphotographen! Der Strand ist barrierefrei über eine Rampe erreichbar, da er allerdings aus feinem Sand besteht, schwierig mit dem Rolli zu befahren.
Um zur Botany Bay zu gelangen, parkt man bei Captain Digby in der Whiteness Road und folgt dann dem Klippenweg für rund anderthalb Kilometer. Ein Behindertenklo habe ich nicht gesehen, aber nur drei Autominuten vom Parkplatz entfernt haben wir eine Gärtnerei mit Tea Room aufgetan – ein Projekt für lernbehinderte Menschen, wo es ein komfortables barrierefreies Klo (no Schlüssel required), phantastischen Tee und großformatige Toasts mit Bohnen gibt
:: Kent V: Samphire Hoe ::
Samphire Hoe, die “Meerfenchel Landzunge”, ist ein künstlich angelegter Naturpark zwischen Dover und Folkestone, für den Gestein und Erde verbaut wurden, die bei der Grabung des Eurotunnels abfielen. Seinen Namen, der verrät, welches Kraut es hier im Überfluß gibt, hat das Gebiet im Zuge eines Wettbewerbs erhalten. Meerfenchel ist ein salzig-fischig schmeckendes Kraut, das in England traditionell zu Fleischgerichten gereicht wird.
Von Samphire Hoe aus hat man den schönsten Blick auf die weißen Klippen, den man sich nur wünschen kann.
Mehrere Wege führen durch den Naturpark, von denen einer barrierefrei ist. Allerdings ist es auch hier hilfreich, wenn man einen Fußgänger dabei hat, der den Rolli auf einem kurzen steilen Stück stabilisieren kann. Der Warnhinweis ist ernstzunehmen^^
Überall entlang des Wegs gibt es Parkbänke, die zum Verweilen und Entdecken einladen. Neben interessanten Pflanzen gibt es viele Schmetterling- und Schneckenarten und sogar Eidechsen zu entdecken (Klick macht groß). Die ehrenamtlichen Mitarbeiter sind unheimlich bemüht und sehr auskunftsfreudig. Besonders gut hat mir der respektvolle Umgang mit der Natur gefallen, der hier praktiziert wird. Beispielsweise soll in der Nähe des Parkplatzes ein Kinderspielplatz entstehen. Das Areal ist derzeit mit Krötenzäunen abgeteilt und die dort lebenden Eidechsen werden sukzessive von ihren Sonnenplätzen eingesammelt und umgesiedelt, damit sie nicht zu Schaden kommen. Vorbildlich, finde ich.
Wenn man dem Rolliweg bis ans Ende der Landzunge folgt, gelangt man an einen weiteren herrlichen Kieselstrand. Vier Stufen führen vom asphaltierten Bereich direkt auf den Strand. Ich kann nun nicht auf so unebenem Boden stehen, also habe ich mich auf die direkt angrenzende Mauer gesetzt und mich weitergehangelt, denn ich wollte unbedingt wenigstens einen Hühnergott / Lochstein finden. Das habe ich mir schon seit Jahren gewünscht – noch so eine Sache, von der ich nicht gedacht hätte, sie mir überhaupt erfüllen zu können.
Pada! Der Strand war wohl für mich besonders freigiebig, denn ich habe eine ganze Tüte voller Lochsteine gefunden. Die Ranger meinten übrigens, Lochsteine würden hier nur ganz selten gefunden. Hach <3
Für den Rundweg braucht man normalerweise so rund eine Stunde, aber wir waren viel länger da. Ein Behindertenklo gibt es im Büro-Kiosk-Klohoisl direkt am Parkplatz (wieder mit Schlüssel). Zur Website von Samphire Hoe geht es hier entlang.
:: Kent IV: St Mary’s Church, Reculver ::
Etwa 6 km mit dem Auto (5 km zu Fuß) von Herne Bay entfernt stehen die Ruinen der St Mary’s Church auf einem Landvorsprung.
Die dazugehörige Abtei, die übrigens auf den Resten einer römischen Siedlung erbaut wurde, war mal bedeutend größer, bis die See sich nach und nach das Land einverleibte und die Gebäude verschwinden ließ.
Es heißt, daß man bis auf den heutigen Tag bei starkem Wind das Geschrei von Kindern in der Ruine hören kann – ein Aberglaube, der auf den Fund von mehreren Kinderskeletten zurückgeht, die dort gefunden wurden.
Vom nahegelegenen Parkplatz aus ist die St Mary’s Church barrierefrei erreichbar, allerdings geht es nett steil bergauf, so daß ich froh war, daß mein Mann den Rolli ein bißchen stabilisiert hat (vor allem auf dem Rückweg). Eine Behindertentoilette ist in der Nähe des Parkplatzes verfügbar, allerdings braucht man für sie einen speziellen Schlüssel (ähnlich wie bei deutschen Behindertentoiletten auf Autobahnraststätten).
:: Kent III: Herne Bay ::
In Herne Bay, das etwa 13 km nördlich von Canterbury an der Küste liegt, waren wir mehrmals. Ich kannte den Ort von der bereits erwähnten Klassenfahrt her, bloß daß ich ihn deutlich schäbiger in Erinnerung hatte. Beim diesjährigen Besuch war ich positiv davon überrascht, wie sich das Städtchen verändert hat. Die Spielhöllen an der Promenade gibt es immer noch (wahrscheinlich mit noch mehr Bling-Bling als vor 18 Jahren^^), aber es sind auch neue Cafés und Restaurants entstanden, die zum Verweilen einladen.
Der hiesige Kieselstrand war für mich “Schatzsucherin” ein besonderes Schmankerl, denn ich kann an schönen Steinen, Muscheln, Treibholzstücken und Co. einfach nicht vorbeigehen. In der Ferne sieht man die Ruine der St Mary’s Church in Reculver.
Obwohl es in Kent einige Strände gibt, die einen Zugang für Rollifahrer haben, hat mir diese Rampe, die in Herne Bay direkt vom Parkplatz ans Meer führt, am besten gefallen – näher war ich nirgendwo am Wasser. An dieser Stelle mal einen lieben Gruß an meine Tauschpartnerinnen Jutta und Milena, die die Mütze gestrickt und mir die Tasche genäht haben <3
Die Landzunge, auf der ich da stehe, ist der sog. Neptune’s Arm, der die Bucht vor der See schützen soll.
Hach ja.
:: Kent II: ein Hauch Kultur ::
Als ich 1995 das erste Mal im Zuge einer Klassenfahrt in Canterbury war, habe ich das volle Kulturprogramm mitgemacht: Thomas Beckett, Kathedrale, Museen. Im Grunde die Dinge, die zu der vielgelobten “klassischen Bildung” dazugehören, die mich aber, wie ich mit Mitte 30 und von den Augen und Ohren meiner Englischlehrerin befreit bekennen darf, zu Tode langweilen. Für mich gibt es nichts Uninteressanteres und Unwichtigeres als unsere androzentrische Geschichtsschreibung, in der Männer und ihre Untaten in den Fokus gestellt werden. Lang-wei-lig! Allerdings war es auch ein weiter Weg für mich, mir das einzugestehen, so nach 13 Jahren Schule und weiteren 13 Semestern Uni, wo ich genau dadrauf gedrillt worden bin.
Mein Urlaub ist meine Zeit und da mache ich nur, was mir Spaß macht. Also habe ich mir die 9,50 €, die der Eintritt in die Kathedrale kostet, gespart und stattdessen nur ein paar “Beweisphotos” dafür gemacht, daß ich da war.
Ich habe gelesen, der Erhalt der Kathedrale kostet 20.000 britische Pfund pro Tag. Wie viel Sinnvolles man mit dem Geld an anderen Stellen bewirken könnte, überlasse ich Eurer Phantasie.
Die schöne Frau im Rollstuhl vor dem Tor auf dem Bild weiter oben bin übrigens ich
Morgen geht es weiter mit der Kent-Serie.
Kultur: over & out!
:: Kent I: ich fahre tatsächlich in den Urlaub! ::
Noch vor einem Jahr war die Vorstellung, irgendwann einmal wieder Urlaub zu machen, noch schiere Utopie für mich. Durch meine spezielle Form der Behinderung und vor allem durch die massiven Amputationen habe ich einen ganzen Haufen an besonderen Anforderungen an meine Umgebung, so daß ich nicht einmal davon zu träumen wagte, gleich eine ganze Woche wegzufahren. Autofahrten von über einer Stunden gerieten zur Quälerei, normale Betten (≠ Wasserbetten) verursachten unerträgliche Schmerzen und schon kleinste Fehlbewegungen sorgten für wochenlange Ausfälle bzw. Schmerzen und Verspannungen. Und dann kam Yoga.
Ich habe schon so oft darüber geschrieben, wie positiv sich Yoga auf mein Leben auswirkt, aber nichts könnte für mich symbolträchtiger für all diese großartigen Veränderungen sein als mein einwöchiger Urlaub in Kent. Als ich den Urlaub im Januar gebucht habe, tat ich das mit einem gewissen sarkastischen Fatalismus. Ich dachte, das Schlimmste, was mir passieren kann, wäre eine schlaflose, von Schmerzmitteln gedopte Woche. Gleichzeitig fand ich genau das reichlich unwahrscheinlich, denn ich würde doch das für mich weltbeste Heilmittel im Handgepäck haben: Yoga. Rückblickend würde ich sagen, gemessen an den eigentlichen Ferien waren die letzten zwei Wochen vor Reisebeginn die stressigere Zeit; mein Blutdruck spielte verrückt, ich schlief fast zehn Tage lediglich drei Stunden pro Nacht und war entsprechend disso und müde. Aufregung pur! Ich hatte unglaubliche Angst davor, zu versagen. Es nicht zu schaffen. Ich kann eine blühende Phantasie entwickeln, wenn es darum geht, mir Worst-Case-Scenarios auszudenken.
Mein Mann und ich haben das Einzige getan, was mir gegen Panik hilft: gut planen und die Dinge bedachtsam handelnd in die Existenz bringen. Wir beide haben überhaupt keine Routine mehr in puncto Reisevorbereitungen gehabt und so schrieben wir für alles eine Liste, was ich wirklich hilfreich fand. Ich stellte mir ein Heftchen mit meinen liebsten Yoga-Kriyas und Meditationen zusammen, wobei ich darauf achtete, für alle eventuellen Schmerzen und Verspannungen gerüstet zu sein. Als es schließlich ans Kofferpacken ging, war ich vollkommen überrascht davon, wie wenig ich mitnehmen würde. Es war ein gutes Gefühl! Ich reise mit leichtem Gepäck und das hat viele Gedanken über mein Leben als solches angestoßen. Und über die “Wertigkeit”, die ich meiner Behinderung tatsächlich einräumen will.
Dann war der große Tag endlich gekommen. Morgens um 6 Uhr ging es los. Wir wollten quer durch Frankreich nach Calais, von dort aus mit dem Autozug unterm Kanal hindurch nach Folkestone und dann weiter nach Canterbury. Reisezeit inclusive aller Pausen: 10 Stunden.
Die Autobahnen in Frankreich habe ich als unglaublich streßfrei zu befahren erlebt. Durch die Mautpflicht sind sie relativ leer – kein einziger Stau in fast 700 km – und durch die durchgängige Geschwindigkeitsregelung (130 km/h bei normalem Wetter, 110 km/h bei Regen) fährt es sich herrlich entspannt. Keine Raser, kein Gedrängel, kein nerviges Bremsen – Beschleunigen – Bremsen. Und: alle Raststätten haben behindertengerechte Klos. Für umme. Wenn ich da an dieses unsägliche Bon-Ziehen in deutschen Raststätten denke….also ehrlich mal. Jede Stunde machten wir eine kurze Pause, damit ich ein bißchen Yoga machen und mich bewegen konnte, um nicht zu verspannen, denn wenn das erstmal der Fall ist, ist es zu spät. Dieses Pausensystem hat sich für mich sehr bezahlt gemacht.
Unser Timing hätte nicht besser sein können; in Calais hatten wir sogar noch Gelegenheit, an den Strand zu fahren, bevor wir zum Channel-Terminal mußten. Als es dann soweit war, war ich total beeindruckt von der reibungslosen Abwicklung des Check-In. Eine Kamera erkannte unser Nummernschild und wies uns direkt die zuvor im Internet bestellte Bordkarte zu. Diese wird an den Innenspiegel gehängt und dann folgt man den Wegweisern, sobald der entsprechende Zug aufgerufen wird. Für Behinderte gibt es sowohl auf der französischen als auch auf der englischen Seite eigene Fahrspuren, denn Behinderte dürfen den Zug als Erste befahren und dann auch wieder als Erste verlassen. Super Service! Nur sollten Behinderte nochmal im Terminal auf’s Klo gehen rollen, denn die Toiletten im Zug selbst sind für Menschen im Rolli nicht erreichbar.
Die Zugfahrt dauert etwa 35 Minuten, zuzüglich 25 Minuten Wartezeit zwischen Einfahrt und Abfahrt; alles in allem ist man also rund eine Stunde mit der Überfahrt beschäftigt. Im Zug sind auf beiden Seiten kleine Fenster abgebracht, so daß man beim Warten auf die Abfahrt noch hinausschauen kann. Die Zugfahrt fand ich überraschend angenehm, sofern man sich nicht zu sehr darauf konzentriert, daß man gerade unter Tonnen von Gestein und Meerwasser unterwegs ist. Dennoch kamen mir im Zug die Tränen, so überwältigt war ich davon, daß meine Reise tatsächlich stattfand. Für mich eindeutig mehr als eine beliebige Urlaubsreise – eher eine Reise in ein viel weiter gefaßtes, freieres Leben.
:: Schonung und Dehnung ::
Die große Tücke des Internets ist in meinen Augen das Überangebot an Information. Ich habe nach meinen Symptomen gesucht und fand da vorrangig recht exotische Berichte und Ferndiagnosen, von nekrotisierender Sehne über MS bis hin zu Krebs. Yogi Bhajan hatte absolut recht: charakteristisch für das Wassermannzeitalter ist, daß uns Informationen in Hülle und Fülle zur Verfügung stehen, und daß wir im Grunde keine Ahnung haben, wie wir damit umgehen sollen. Ich ging damit rein pragmatisch um und trug meine Sorge zum Arzt. Das ist etwas, das ich inzwischen gelernt habe: die meisten Dinge brauchen einfach Zeit, aber Du mußt auch wissen, wo die Grenze ist. Nach Röntgen und Untersuchung stand fest, daß ich eine Zerrung habe. Deren Heilung wird dauern, in Anbetracht meiner Amputationen wahrscheinlich ziemlich lange. Erschreckt hat mich aber eine andere Sache: ich habe eine Kontraktur entwickelt. Eine Sehne, die vor einigen Jahren bereits operativ verlängert worden ist, hat sich in den drei Wochen der Schonung verkürzt. Und zwar arg.
Jetzt muß ich einen Mittelweg zwischen Schonung für die Zerrung und Dehnung für die Sehne beschreiten, übrigens mit Krücken. Es fühlt sich schlecht an. Das Körpergefühl ist dasselbe wie damals vor der Sehnen-OP, nur daß ich die Option OP heute nicht mehr habe. Sehnen können nicht endlose verlängert werden. Gleichzeitig fühlt es sich gut an, daß ich nun aktiv etwas tun kann. Ich bin eine Yogini, ich kann mich dehnen. Jaja, ich brauche Geduld und darf nichts erzwingen, aber ich werde dafür kämpfen, daß meine Gehbehinderung nicht schlimmer wird. Das kann ich nicht gebrauchen.
Auch fühlt sich schlecht an, daß das Thema Gehbehinderung – Verletzung – Einschränkung sich so hartnäckig in meinem Leben hält. Da mache ich schon Yoga und dann das. Ein bißchen tragisch.






































